Alles Nervensache?!
Neurobiologische und körperorientierte Perspektiven für die Musiktherapie
Leitung: Flora Kadar
Musiktherapeut:innen begleiten Regulationsprozesse - täglich, oft intuitiv und zugleich mit tiefer Bewusstheit. Doch was geschieht dabei eigentlich in Gehirn und Körper? Inwiefern können neurobiologische und körperorientierte Perspektiven das musiktherapeutische Denken bereichern und an die Vielschichtigkeit der therapeutischen Praxis anknüpfen?
Die diesjährige Fachtagung am Freien Musikzentrum München möchte Musiktherapeut:innen sowie Personen aus angrenzenden Fachdisziplinen ermöglichen, das eigene Handeln im Licht neurobiologischer Zusammenhänge zu betrachten - sei es im Rahmen der Stressbewältigung, in traumasensiblen Kontexten oder in der Begleitung chronischer Erkrankungen.
Ansätze wie die Polyvagaltheorie nach Stephen Porges oder Somatic Experiencing (SE)® nach Peter Levine bieten neue Impulse gleichzeitig ist eine kritische Einordnung gefragt: Was erklären diese Konzepte und wo liegen ihre Grenzen?
Vorträge aus Wissenschaft und Praxis, erlebnisorientierte Einheiten und Raum für Diskussion laden ein, zu erkunden, was Neurowissenschaft und körperorientierte Ansätze für die Musiktherapie bereithalten -
fundiert, differenziert und mit offenem Blick.
Tagungsprogramm
Samstag, 6. März 2027
13:00 Flora Kadar
Begrüßung und Einführung in das Thema
13:15 Jakob Ruster
Stimme, Regulation und Nervensystem: Bottom-Up-Musikalisierung als körperorientierter Zugang
14:00 Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Stefan Kölsch
Musik, Gehirn und Körper – Neurobiologische Grundlagen für die musiktherapeutische Praxis
14:45 Pause
15:30 Univ.-Prof. Dr. med. Dr. sc. mus. Thomas Stegemann
Polyvagal-Theorie – Kritische Betrachtung aus neurobiologischer und musiktherapeutischer Sicht.
16:15 Jakob Ruster
Bottom-up-Musikalisierung – ganz praktisch
16:30 Dr.in phil. Anja Schäfer
Rezeptive Musiktherapie bei Depression und Schmerz – Wirkmechanismen und klinische Praxis
17:15 Pause
17:45 Ulrike Frey und Christoph Steinmetz
Musiktherapie und Somatic Experiencing (SE)® – Spielräume zwischen Gefühl, Körper und Musik
18:30 Verabschiedung in den Abend und Bottom-up-Musikalisierung
anschließend Come together
Sonntag, 7. März 2027
9:30 Jakob Ruster
Bottom-up-Musikalisierung – ganz praktisch
9:45 Dr.in med. Simone Haug und Monika Baumann
Vegetative Dysregulation in der neurologischen Frührehabilitation Erkennen – Verstehen – Behandeln
10:30 Maria Pasiziel
Körperorientierte Stimmarbeit und das Nervensystem – Gedanken aus der Praxis
11:15 Pause
12:00 Podiumsdiskussion
13:00 Bottom-up-Musikalisierung und Verabschiedung
13:30 Ende der Tagung
Referent:innen und Themen
Jakob Ruster
Somatic Experiencing Practitioner, Gesangspädagoge, Aus- und Weiterbildungen in Atem-Tonus-Ton, Stegreif-Coach, Community Music und Körpermusik, langjährige Zapchen-Praxis bei Cornelia Hammer. Ursprünglich gelernter Volkswirt. Er verbindet die Quellen in seinem Ansatz »VaguSingers – Stimme, Resonanz und Verbundenheit«.
Stimme, Regulation und Nervensystem – Bottom-Up-Musikalisierung als körperorientierter Zugang
Der VaguSingers-Ansatz verbindet körperorientierte Stimmarbeit mit Elementen aus Somatic Experiencing und Zapchen Somatics. Wir erfahren unsere Stimmen spielerisch, erspüren die Resonanzen unserer Klänge, erforschen dabei die Regulation unseres Nervensystems und erkunden Stimme als frühe Kommunikation und Tor zu Verbundenheit. Konkrete Übungen laden ein, sich selbst etwas Gutes zu tun. Dafür nutzen wir: Tönen, Summen, Gähnen, Bewegung, Rhythmus, Circle Songs, Bodypercussion und einfache Lieder – spielerisch, erfahrungsbasiert und selbstfürsorglich.
Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Stefan Kölsch
Neurowissenschaftler und Musiker, Professor für Biologische, Medizinische und Musikpsychologie an der Universität Bergen (Norwegen). Promotion und Habilitation am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Postdoktorat an der Harvard Medical School. Forschungsschwerpunkte: Musikverarbeitung im Gehirn, Emotion und musikbasierte Therapie, Autor mehrerer Bücher.
Musik, Gehirn und Körper – Neurobiologische Grundlagen für die musiktherapeutische Praxis
Musiktherapeutisches Handeln entfaltet seine Wirkungen auf Erleben, Verhalten und Körper. Doch welche neurobiologischen Prozesse liegen diesen Effekten zugrunde? Der Vortrag gibt einen systematischen Überblick über zentrale Befunde zur Wirkung von Musik auf Gehirn und Körper: von neuroendokrinen Stressreaktionen und autonomer Regulation über Bindungs- und Synchronisationsprozesse bis hin zu emotionaler Verarbeitung und sozialer Resonanz. Die Forschungsbefunde zeigen konsistent, dass Musik kein eindimensionaler akustischer Reiz ist, sondern ein vielschichtiges biopsychosoziales Geschehen, das auf multiple neuronale Systeme gleichzeitig wirkt. Ziel des Vortrags ist es, ein neurobiologisches Begriffsfundament zu etablieren, das als kritische Grundlage für die Auseinandersetzung mit klinisch einflussreichen Konzepten dient. Musiktherapeut:innen soll damit eine wissenschaftlich fundierte Orientierung für die Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Praxis an die Hand gegeben werden.
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. sc. mus. Thomas Stegemann
Musiktherapeut, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, Paar und Familientherapeut und Supervisor. Leitet das Institut für Musiktherapie an der mdw-Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Tätig in Lehre & Forschung.
Polyvagal-Theorie – Kritische Betrachtung aus neurobiologischer und musiktherapeutischer Sicht
Der Vortrag bietet eine kompakte Einführung in die Polyvagal-Theorie (PVT) nach Stephen Porges und beleuchtet deren zentrale Annahmen zur autonomen Regulation, Sicherheit und sozialen Interaktion. Anschließend werden aktuelle Kritikpunkte aus neurowissenschaftlicher Perspektive diskutiert, insbesondere hinsichtlich empirischer Evidenz und theoretischer Konsistenz. Darauf aufbauend werden mögliche Implikationen für die musiktherapeutische Praxis reflektiert. Ziel ist es, einen differenzierten Diskurs anzuregen und Chancen wie Grenzen der PVT für die Musiktherapie kritisch zur Diskussion zu stellen.
Dr.in phil. Anja Schäfer
Klinische Musiktherapeutin, Dozentin, Supervisorin und Wissenschaftlerin an der Kunstuniversität in Graz. In ihrer Lehr- und Vortragstätigkeit verbindet sie ihre langjährige Praxiserfahrung mit Erkenntnissen aus der Wissenschaft im Bereich der Burnout- und Stressprophylaxe, Achtsamkeit und Entspannung mit Musik.
Rezeptive Musiktherapie bei Depression und Schmerz – Wirkmechanismen und klinische Praxis
Rezeptive Musiktherapie entwickelt sich zu einem zunehmend evidenzbasierten Ansatz in der Behandlung von Depression und chronischen Schmerzen. Der Vortrag beleuchtet ihre Wirkung auf das autonome Nervensystem sowie auf Entspannungs- und Regulationsprozesse. Im Mittelpunkt stehen achtsamkeitsbasierte Interventionen – mit Monochord und Stimme – und deren empirisch untersuchte Wirkung auf Stressreduktion, Schlafqualität und Vitalität. Zudem werden Aspekte der Selbstwirksamkeit und emotionalen Stabilisierung sowie ihre klinische Relevanz im therapeutischen Kontext diskutiert.
Ulrike Frey
Musiktherapeutin, Somatic Experiencing Practitioner, Heilpraktikerin. In ihrer Praxis verbindet sie Musiktherapie mit Prozessorientierter Psychotherapie (nach Mindell), chinesischer Medizin und SE® zu einem körperpsychotherapeutischen Ansatz.
Christoph Steinmetz
Dipl.-Musiktherapeut, Gestalttherapeut, Somatic Experiencing Practitioner. Er arbeitet mit Erwachsenen im Einzelsetting und verbindet Musiktherapie, Gestalttherapie und Somatic Experiencing zu einem körper-, erlebens- und beziehungsorientierten Ansatz.
Musiktherapie und Somatic Experiencing (SE)® – Spielräume zwischen Gefühl, Körper und
Musik
Die Verbindung von Musiktherapie und Somatic Experiencing eröffnet in der psycho- und traumatherapeutischen Arbeit einen körper- und nervensystemorientierten Zugang mit Bottom-up-Ausrichtung. Anhand von Fallbeispielen aus der Einzelarbeit mit Erwachsenen zeigen wir auf, wie aus Körperempfindungen, Emotionen oder Bedürfnissen, musikalisches Erkunden und Improvisieren entstehen kann. Dabei fließen SE-Prinzipien wie Pendulation, Titration, Integration und die Arbeit mit der Aktivierungskurve zwischen Anregung und Beruhigung in die musiktherapeutische Praxis ein. Mit dem Fokus auf Ressourcen können Leichtigkeit, Freude und Verbundenheit regulative Prozesse unterstützen.
Monika Baumann
Dipl-Musiktherapeutin (FH), Musiktherapeutin DMtG, Weiterbildungen zur Anwendung des EBQ-Instruments und neurologische Musiktherapie. Seit 1993 tätig an der München Klinik Bogenhausen, Klinik für Frührehabilitation und Physikalische Medizin, Schwerpunkt: neurologische Frührehabilitation. Co-Leitung der Berufsbegleitenden Ausbildung Musiktherapie am Freien Musikzentrum München.
Dr.in med. Simone Haug
Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin mit Zusatzbezeichnung Geriatrie. Seit 2009 tätig für die München Klinik, seit 2018 als Oberärztin an der München Klinik Bogenhausen, Klinik für Frührehabilitation und Physikalische Medizin, Schwerpunkt: Interdisziplinäre Versorgung neurologischer und geriatrischer Patient:innen in der Frührehabilitation, Dysphagie- und Trachealkanülenmanagement.
Vegetative Dysregulation in der neurologischen Frührehabilitation
Erkennen – Verstehen – Behandeln
Vegetative Instabilität ist eine häufige, oft unterschätzte Komplikation in der neurologischen Frührehabilitation, welche den gesamten Rehabilitationsverlauf beeinflusst. Wie entsteht sie, wie erkennt man sie und wie kann man ihr sinnvoll begegnen? In diesem interdisziplinären Vortrag einer Ärztin und einer Musiktherapeutin werden die medizinische Sichtweise (Grundlagen, Symptome, Diagnostik und Therapie) und darauf aufbauend die Wirkweisen und Behandlungsmöglichkeiten der Musiktherapie im rehabilitativen Gesamtkonzept dargestellt und erläutert. Dabei wird die Rolle von Stimme, Atmung und Berührung als spezifische Wirkfaktoren auf das autonome Nervensystem in der musiktherapeutischen Begegnung mit vegetativ instabilen Patient:innen herausgestellt und näher beleuchtet.
Maria Pasiziel
Dipl. Musiktherapeutin (FH), Chorleiterin, Tanztherapeutin, Somatic Experiencing- und NARM-Practitioner. Langjährige therapeutische Erfahrung im Bereich Erwachsenen Psychosomatik und Psychiatrie, in eigener Praxis für Körperpsychotherapie (Schwerpunkt: Körperorientierte Traumaintegration) sowie Seminare im Bereich »VoiceEmbodiment als Weg zur Selbstentfaltung«.
Körperorientierte Stimmarbeit und das Nervensystem - Gedanken aus der Praxis
Ausgehend von eigenen Entdeckungen auf der persönlichen Forschungsreise mit der Stimme, langjähriger Erfahrung in der musik- und körpertherapeutischen Arbeit mit Erwachsenen im psychosomatischen Kontext sowie der eigenen Ausbildung in Somatic Experiencing und NARM (Neuro-Affektives Beziehungsmodell) gibt dieser Vortrag auf Basis dieses Hintergrunds Einblicke in das mögliche Potenzial körperorientierter Stimmarbeit hinsichtlich nervensystembasierter, musiktherapierelevanter Veränderungsprozesse – sogenannter Bottom-up-Prozesse. Zugleich wird kritisch hinterfragt: Genügt diese Herangehensweise für nachhaltige Veränderung und wie lassen sich ggf. Top-Down-Prozesse in der Musiktherapie, insbesondere in der Arbeit mit der Stimme, gezielt zur vertiefenden Integration nutzen?